„Alles fließt“: – das haben schon Philosophen in der griechischen Antike erkannt. Auch am Berg fließt mehr als mancher denkt. Talwärts fließende Gletscher kennt jeder, auch Blockgletscher haben sich herumgesprochen. Weniger bekannt ist, dass im Gebirge auch der Boden ins Fließen kommen kann und dabei mitunter einem Gletscher ähnliche Formen annimmt.

Fließender Boden bildet eine Zunge, der leichteren Erkennbarkeit wegen habe ich sie farblich leicht hervorgehoben

Wie ein Gletscher kann der fließende Boden eine zungenähnliche Form annehmen, wie auf dem Bild oben im Arbestal westlich des Naviser Jöchls. Weil Fachleute das Phänomen fließender Böden im Bereich zwischen der Wald- und der Schneegrenze „Solifluktion“ bezeichnen, heißen solche Zungen „Solifluktionszungen“.

Bogenförmige Loben unterhalb der Grafmartspitze

Wie vorstoßende Gletscher haben solche Zungen in der Regel eine steile und bogenförmig ausgebildete Stirnfront, beziehungsweise Stauchwälle. Man spricht dann von „Solifluktionsloben“. Die Größe solcher Solifluktionsströme kann sehr stark variieren, es können hunderte Meter lange Ströme mit mächtigen Stirnfronten sein oder kleine Formen, die nur an den lobenartigen Bildungen zu erkennen sind.

Eine kleine Lobe mit steiler Stirn

Besonders viele dieser Loben findet man im Voldertal in den kleinen Karen östlich von der Grafmartspitze, also ziemlich im Abseits in weglosem Gelände.

Zwei weitere Loben, zwischen der Grafmartspitze und den Melkböden

Weniger im Abseits ist etwa die ganz oben abgebildete Solifluktionszunge mit entsprechender Lobenbildung direkt neben dem Steig zum Largoz knapp unterm Gipfel. Maßgeblich für die Entstehung solcher Zungen beziehungsweise Loben ist das Zusammenspiel von Frost und Auftauen im Boden in einem Klima mit einem Jahresmittelwert von unter 3 Grad Celsius. Die Böden fließen allerdings nur sehr langsam talwärts, wenige Zentimeter im Jahr sind hier die Regel. Der Übergang von Solifluktion zu Blockgletschern dürfte fließend sein. Der Geologe Alfred Gruber schreibt etwa in einem Kartierungsbericht: „In den Karen und Karschultern E’ der Grafmartspitze haben sich aus dem Blockschutt schmale, längliche Blockgletscher entwickelt. Aus dem feineren Schutt auf den steileren Hängen entstanden hingegen schöne Solifluktionsschutt-Loben.“ (Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt 2005, S. 339 ).

Blick von der Grafmartspitze: Das könnten die von Gruber gemeinten Solifluktionsschutt-Loben sein…
…und hier ein benachbarter Blockgletscher

Nun, die von Gruber erwähnten Blockgletscher bei der Grafmartspitze sind nicht wirklich eindrucksvoll. Da gibt es im Voldertal Besseres. So hat der Blockgletscher westlich unterm Haneburger eine nach wie vor imposant steile Front, was auch ein Hinweis darauf sein könnte, dass er nach wie vor aktiv ist.

Die Front des Blockgletschers unterm Haneburger

Solifluktion gibt es im Gebirge vielerorts und auch außerhalb des Voldertals. So sind etwa am Weg zur Serles am Ostgrat der Lämpermahdspitze sehr schöne Solifluktionsloben zu sehen.

Solifluktionsloben vom Weg zur Serles aus gesehen