Der Glungezerriese

Um das Voldertal ranken sich viele Sagen. Die meisten sind nur wenig bekannt, wie etwa die von den Pitzln oder der Schimmelreiterin auf der Stiftsalm. Die Sage vom Glungezerriesen ist hingegen weithin bekannt und offenbart etwas vom Charakter des Voldertals. Die Erzählung von dem Riesen, der aus verschmähter Liebe Rache übt und dann bitter bereut, findet sich auch in bekannten Sammelbänden – unter anderem in den von Käthe Recheis ausgewählten „Sagen aus Österreich“. Sie kann auch online nachgelesen werden, etwa auf sagen.at in einer längeren und einer kürzeren Fassung. Wie bei Sagen häufig, gibt es verschiedene Versionen, die sich um den Kern der Erzählung ranken. Den Kern der Sage würde ich in aller Kürze so formulieren: In der Gegend lebte einst ein Hirtenkönig mit vier liebreizenden Töchtern in einem Idyll aus Palast, Wiesen, Blumen und Tieren, mit denen sie einen vertrauten Umgang pflegten.

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In so einem Idyll soll der König mit seinen Töchtern gelebt haben.

Als ein ungehobelter Riese daherkam und am Glungezer hauste, war es mit der Idylle vorbei. Mit seinem Gebrüll löste er Steinlawinen aus, die zu Tal donnerten. Zu allem Unglück hatte es der Riese auf die Königstöchter abgesehen. Eine davon wollt er heiraten. Für den Heiratsantrag versuchte sich der Riese im Rahmen seiner Möglichkeiten sogar schön zu machen. Die Unterredung mit dem König endete damit, dass dieser dem Riesen erlaubte, seine Töchter selber zu fragen. Die Töchter dürften das Ansinnen des Riesen aber nicht ganz ernst genommen haben und schickten ihn mit vier Körben weg. Der Riese hatte sein Unterfangen aber keineswegs als Spaß verstanden, geriet darüber in Rage und ließ riesige Felsblöcke gegen den Palast des Hirtenkönigs rollen.

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Schwarzbrunn aus der Sicht des Glungezerriesen, der Sage nach gab es dort einen See.

Diese schoben den Palast in einen See in dem er unter den weiter heranrollenden Felsblöcken versank. Als seine Rachegelüste abgekühlt waren, packte den Riesen bittere Reue. Er konnte aber die ertrunkenen Königstöchter nicht mehr zum Leben erwecken, nur in Mondnächten schwebten sie über dem See. Der Riese, der sich selbst verwunschen hat und zu einem Zwerg wurde, stürzte sich in seiner Verzweiflung in den See, ehe wieder Totenstille herrschte. Heute soll von diesem See nur mehr ein Tümpel übrig geblieben sein, den man „Schwarzbrunn“ nennt.

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Der Voldertalbach bei Schwarzbrunn

Wer heute im Voldertal selbst diesen Tümpel sucht, wird ihn kaum finden. Aber einen solchen See gab es vor nicht allzu langer Zeit wirklich. Nach einem Bergsturz im Bereich der Vorbergreise im Jahr 1820 bildete sich ein flacher und etwa 100 Meter langer See, der aber bald verlandete und heute völlig verschwunden ist. Gut möglich, dass die Sage auf diesen Bergsturz und den See anspielt. Außerdem kommt es in diesem Bereich auch heute noch immer wieder zu Felsstürzen.

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Hier unter der Vorbergalm bildete sich 1820 nach einem Bergsturz ein kleiner, flacher See.

Andererseits liegt das in der Sage genannte Schwarzbrunn etwa 400 Meter weiter taleinwärts. Auch hier könnte es nach der Eiszeit einen See gegeben haben, der längst verlandet ist. Hier wie dort fließt der Voldertalbach durch eine flache Wiese. Aber ein Tümpel ist auch hier kaum auszumachen, höchstens ein paar kleine Lacken.

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Schwarzbrunn

Gemeinsam mit haushohen Felsblöcken oder aus dem Moos herausragenden Wurzeln voller Flechten verleihen sie der Gegend um Schwarzbrunn auch heute noch einen geheimnisvollen Charakter. Wer dem Voldertalbach vom Schwarzbrunn ein paar hundert Meter talwärts folgt, entdeckt bei der Mündung des Melchmahderbachs einen gespaltenen Felsblock. Und wer sich in diesen Spalt hineinstellt, wird Zeuge, wie sich das helle Rauschen des Bachs in ein dumpfes Grollen verwandelt.

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Der gespaltene Felsblock

Während man der Gegend um Schwarzbrunn einen geheimnisvollen und schwermütigen Zug kaum absprechen kann, spricht die Sage vom Wohnort des Königs und der Prinzessinen in einem anderen Ton. Die Mädchen erfreuen sich an den Blumen und pflegen einen ungezwungenen Umgang mit den Tieren. In einer Version der Sage lebten die Mädchen auf der Tulfein. Auch wenn es da heute kein Königsschloss mehr gibt, hat der Glungezerriese die Idylle doch nicht ganz zerstören können. Auf den Wiesen weiden Kühe, Schafe oder Pferde und um die Felsblöcke tummeln sich Murmeltiere, denen man hier erstaunlich nahe kommt. Das mag auch daran liegen, dass sie durch die Glungezerlifte an Menschen einigermaßen gewöhnt sind.

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Am Tulfeinjöchl beschnuppern sich zwei Murmeltiere

Nach der anderen Version der Sage lag der Palast „weit hinten im Voldertal“, aber doch noch im Bereich des Glungezers. Ein kleines Paradies hier ist die Gwannalm, zu der sich vom Schwarzbrunn ein schmaler Steig hinaufwindet. Oberhalb der Hütte stürzt der Gwannalmbach in die Tiefe und von hinten legen sich Felsblöcke um die Hütte, während die saftigen Wiesen davor im Sommer von den Schafen abgeweidet werden.

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Die Gwannalm

Wo auch immer der Palast des Hirtenkönigs gestanden hat und wo auch immer der verschwundene See lag, die Sage vom Glungezerriesen erzählt einiges vom Charakter des Voldertals.

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