Die Geologie des Voldertals

Ein Architekt kann ein Haus aus Holz, Stein oder Beton planen. Das Ergebnis wird verschieden sein. So bestimmen auch die Gesteine die Gestalt der Berge und Täler. Grund genug, das Baumaterial des Voldertals, seine Geologie, in den Blick zu nehmen. Fast das ganze Voldertal gehört zum „Innsbrucker Quarzphyllit“. Doch hier wartet schon der erste Fallstrick: Auch wenn der Quarzphyllit ein Gestein ist, bezeichnet „Innsbrucker Quarzphyllit“ genau genommen kein Gestein, sondern eine geologische Einheit, in der verschiedene Gesteine vorkommen können. Selbstredend nimmt der Quarzphyllit einen großen Teil davon ein, aber genauso kommen hier etwa Marmor oder Grünschiefer, sogenannte „Prasinite“, vor.

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Quarzphyllit mit weißen Quarzknauern, wie er im Voldertal häufig vorkommt. Sie sind durch Metamorphose umgeformte Sande und Tone.

Der Löwenanteil des Innsbrucker Quarzphyllits besteht aus ehemaligen Tonen und Sanden, die im Erdaltertum vor etwa 485 bis 360 Millionen Jahren in einem Meer abgelagert wurden. Im Laufe der Erdgeschichte wurden sie mehrfach in größere Tiefen versenkt und dadurch umgewandelt. Die ehemaligen Tone sind heute meist Phyllite, stellenweise auch Glimmerschiefer oder Gneise, die sandigen Sedimente wurden zu Quarz oder Quarzit und Kalkablagerungen erscheinen heute als Marmorbänder.

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Am Marmor findet man auch Verwitterungsformen, die man sonst aus den Kalkalpen kennt, wie hier ober den Melkböden.

Der Phyllit ist ein dünn geschichtetes und oft auch stark gefaltetes Gestein. Im Gegensatz zum Glimmerschiefer oder Gneis sind die Glimmerminerale einzeln nicht mit dem freien Auge erkennbar, sie verleihen dem Gestein aber an den Schichtflächen einen seidigen Glanz. Neben diesen metamorphen Sedimentgesteinen findet man im Voldertal stellenweise auch metamorphe magmatische Gesteine, etwa als Grünschiefer am Largoz.

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Plastischer Phyllit und starrer Marmor – am alten Volderwildbadweg

Was sind nun die Eigenschaften der Gesteine im Voldertal? Eine auffällige Eigenschaft sind häufige Rutschungen. Wie auch sonst in den Tuxer Alpen, findet man auch im Voldertal in den Gratbereichen viele Doppelgrate und Risse. Sie entstehen, wenn sich ein Hangbereich talwärts bewegt. Fast an der ganzen östlichen Talseite ist der Felsverband tiefgründig aufgelöst und vielfach von langsamen Rutschungen erfasst.

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Die Risse unterm Rosenjoch-Gipfel zeigen, dass sich der linke Hangbereich talwärts bewegt.

Wenn man das große architektonische Konzept des Voldertals betrachtet, erkennt man eine starke Asymmetrie. Das Tal ist im Westen steil, im Osten relativ flach. Das hat mit der Schieferung des Gesteins zu tun, die nach Nordwesten hin einfällt.

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An dem ins Wattental auskragenden Gipfelfelsen der Wattenspitze ist die nach Westen (rechts) zum Voldertal hin fallende Schieferung gut erkennbar.

Es ist dem Voldertalbach leichter gefallen, sich entlang dieser Schieferungsflächen  einzutiefen, als sich durch das kompakte Gestein arbeiten zu müssen – mit der Konsequenz, dass er sich immer weiter westlich verlagerte. Die westliche Talflanke wird durch den Bach untergraben, was die Standfestigkeit des darüberliegenden Gesteins überfordert.

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Mancher Fels auf der westlichen Talseite schaut wenig vertrauenserweckend aus.

Die Folge sind immer wieder Berg- und Felsstürze. Ein Bergsturz ging 1820 gegenüber der Vorbergalm nieder, dort wo sich heute die Vorbergreise befindet. In Folge staute sich ein See auf. Ohne es genau zu wissen, vermute ich, dass die Sage vom Glungezerriesen in diesem Bergsturzeregnis ihren Ursprung hat. Aber auch heute noch drohen von der westlichen Talseite immer wieder Felsstürze.

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Hier ging 1820 ein Bergsturz nieder. Der aufgestaute See ist schon lange Zeit verlandet.

Wie alle Täler in Tirol haben auch im Voldertal die Eiszeiten Spuren hinterlassen. Die östliche Talflanke ist weitgehend mit Ablagerungen der eiszeitlichen Gletscher bedeckt, den Moränen. Auch der Voldertalbach hat sich durch Moränen gegraben und gibt stellenweise den Blick in das innere einer Moräne frei. Im Gegensatz zu Flussablagerungen liegen bei Moränen große und kleine Gesteine ungeordnet durcheinander.

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Ein Felsblock aus einer Moräne hängt bedrohlich über dem Voldertalbach.

Die steile Westseite des Voldertals ist hingegen großeils frei von Ablagerungen eiszeitlicher Gletscher. Dennoch gibt es auch hier interessante Phänomene, die von der Eiszeit herrühren. Da wäre etwa die Stiftsalm, eine auffallende Verebnung auf der sonst überaus steilen westlichen Talseite. Ihre Existenz verdankt sie einem Rendezvous: Hier traf sich in der Eiszeit der Voldertalgletscher mit dem mächtigen Inntalgletscher. Durch den Sporn des Tulferbergs entstand hier ein toter Winkel und der Voldertalgletscher konnte in Seen, die sich am Gletscherrand bildeten, die mitgeführten Sedimente ablagern, ohne dass sie gleich vom Inntalgletscher fortgerissen und ins Alpenvorland abtransportiert worden wären.

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Die Stiftsalm verdankt sich einem eiszeitlichen Rendezvous.

Oben habe ich geschrieben, fast das ganze Voldertal gehöre zum Bereich des Innsbrucker Quarzphyllits. Ganz kleine Randbereiche des Voldertals nördlich vom Glungezergipfel und nordlich vom Schartenkogel sind Teil einer höheren tektonischen Einheit, dem Patscherkofel- und Glungezerkristallin. Man merkt den Unterschied etwa, wenn man am höchsten Punkt des Glungezergipfels, der aus Quarzphyllit besteht, zum Gipfelkreuz nach Norden absteigt, wo teilweise bräunlich angewitterter Gneis aus dieser höheren Einheit liegt.

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Das Glungezerkreuz steht unter dem Gipfel, geologisch aber ein Stockwerk darüber.

Innsbrucker Quarzphyllit und das Patscherkofel- und Glungezerkristallin gehören beide zur großen tektonischen Einheit des Ostalpins. Das sind die Teile, die vor der Entstehung der Alpen südlich des penninischen Ozeans lagen, man spricht hier vom afrikanischen, beziehungsweise vom adriatischen Kontinentalrand. Als die Kontinente kollidierten und der Ozean verschwand, wurden diese Einheiten nach Norden geschoben, und durch die starke Einengung wurden auch Teile dieses Südrands, die vorher nebeneinander oder hintreinander lagen, übereinander geschoben, wie etwa das Patscherkofel- und Glungezerkristallin über den Innsbrucker Quarzphyllit.

Quellen:

Geologische Karte der Republik Österreich 1:50.000. Herausgegeben von der Geologischen Bundesanstalt, Wien 2009, Blatt 148 Brenner
Geologische Bundesanstalt: Geofast-Karte, Stand 2005, Blatt 149 Lanersbach

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